WMS-Funktionen: die Kernbereiche im Überblick
Ein Lagerverwaltungssystem wird nach Funktionen ausgeschrieben, nicht nach Marketingbegriffen. Für Betriebe im DACH-Raum ist die entscheidende Frage deshalb weniger, welches System das größte Funktionspaket bietet, sondern welche Funktionen die eigenen Prozesse tatsächlich verlangen. Diese Übersicht ordnet die sechs Kernbereiche und benennt die Trennlinie zwischen Basissystemen und Vollsystemen. Als neutrale Referenz für den Funktionsumfang eines WMS dient die Richtlinie VDI 3601.
Sechs Bereiche, die jedes WMS abdeckt
Diese sechs bilden den Funktionskern. Was darüber hinausgeht, ist betriebsspezifisch.
Wareneingang und Einlagerung
Erfassung ankommender Ware per Scan oder RFID, Abgleich gegen die Bestellung, Qualitätsprüfung und Zuweisung eines Lagerplatzes nach hinterlegter Strategie.
- Avisierung und Anlieferungsabgleich
- Einlagerstrategie: chaotisch, fest oder zonenbasiert
- Sperrbestand und Qualitätsprüfung
Bestandsführung
Platzgenaue Verwaltung in Echtzeit, jede Bewegung sofort gebucht. Grundlage für Bestandsgenauigkeit, Inventurverfahren und Verfügbarkeitsauskunft.
- Bestand je Platz, Charge, Serie und Zustand
- Umlagerung und Bestandskorrektur mit Beleg
- Inventurunterstützung mit Zykluszählung
Kommissionierung
Der Bereich mit dem größten wirtschaftlichen Hebel. Steuerung der Pickreihenfolge, Bündelung von Aufträgen und Führung der Mitarbeitenden über belegloses Verfahren.
- Einzel-, Batch-, Zonen- und Wellenkommissionierung
- Wegeoptimierung
- Pick-by-Scan, Voice, Light oder Vision
Versand und Verladung
Packvorgang, Versandeinheitenbildung, Etikettierung und Übergabe an Spediteure und Paketdienstleister, meist über EDI oder Carrier-Schnittstellen.
- Packplatzführung und Kartonwahl
- Multi-Carrier-Anbindung
- Verpackungsdaten für die PPWR-Meldung
Ressourcen und Personal
Verteilung von Aufgaben auf Mitarbeitende und Flurförderzeuge nach Auslastung und Qualifikation, mit Leistungskennzahlen je Ressource.
- Aufgabenverteilung und Priorisierung
- Labor Management mit Kennzahlen
- Achtung: mitbestimmungspflichtig
Reporting und Leitstand
Kennzahlen zu Durchlaufzeit, Fehlerquote, Auslastung und Bestandsgenauigkeit sowie ein Leitstand für die operative Steuerung im Tagesgeschäft.
- Operativer Leitstand nach VDI 4493
- KPI-Auswertung und Trendanalyse
- Mobile Leitstände zunehmend verbreitet
Was Basis- von Vollsystemen trennt
Sieben Funktionen markieren die Grenze. Sie eignen sich als Prüfliste im Lastenheft.
Diese sieben Funktionen sind nicht willkürlich gewählt. Sie entsprechen exakt dem Funktionsumfang, den SAP beim Übergang von Extended Warehouse Management zu Stock Room Management gestrichen hat, und markieren damit eine im Markt dokumentierte Trennlinie zwischen Basis- und Vollsystem. Sie lässt sich auf andere Anbieter übertragen, weil dieselben Funktionen dort ebenfalls den Sprung in eine höhere Produktklasse bedeuten.
| Funktion | Wozu | Wer sie braucht | Prüffrage fürs Lastenheft |
|---|---|---|---|
| Wave Management | Bündelung von Aufträgen zu Kommissionierwellen mit zeitlicher Steuerung | Versandlager mit festen Verladefenstern | Können Aufträge zu Wellen gebündelt und Wellen zeitgesteuert freigegeben werden? |
| Cross-Docking | Durchschleusen ohne Einlagerung, direkt von der Anlieferung in den Versand | Handel und Distribution mit hohem Umschlag | Kann Ware ohne Einlagerbuchung direkt einem Ausgangsauftrag zugeordnet werden? |
| Value Added Services | Etikettierung, Konfektionierung, Displaybau als dokumentierte und abrechenbare Leistung | Logistikdienstleister | Können Zusatzleistungen je Auftrag erfasst und abgerechnet werden? |
| Ressourcensteuerung | Zuweisung von Aufgaben an Personen und Fahrzeuge nach Auslastung und Qualifikation | Lager mit vielen parallelen Ressourcen | Werden Aufgaben dynamisch zugewiesen oder nur als Liste ausgegeben? |
| Lagersteuerrechner-Anbindung | Kopplung an Fördertechnik, automatisches Kleinteilelager oder Shuttle | jedes Automatiklager | Welche Materialflussprotokolle werden unterstützt und mit welchen Anlagen im Einsatz? |
| Yard Management | Steuerung von Toren, Zeitfenstern und Rangierbetrieb auf dem Lagervorplatz | Standorte mit hohem Verkehrsaufkommen | Gibt es Torbelegung und Zeitfenstermanagement im Standard? |
| Dezentraler Betrieb | Betrieb der Lagerverwaltung getrennt vom ERP, mit eigener Verfügbarkeit | Lager, die vom ERP-Downtime entkoppelt sein müssen | Läuft das Lager weiter, wenn das ERP nicht erreichbar ist? |
Was darüber hinaus angeboten wird
Diese Module sind nicht Kern, aber je nach Branche entscheidend.
Chargen, Serien und MHD
Durchgängige Führung mit FEFO-Steuerung. Pflicht in Lebensmittel, Pharma und Medizintechnik, dort mit rechtlicher Nachweisfunktion nach Verordnung 178/2002 und GxP.
Gefahrstoffverwaltung
Automatische Zusammenlagerungsprüfung über die 24 Lagerklassen der TRGS 510 und Mengenüberwachung. Ohne Systemunterstützung praktisch nicht sicher durchsetzbar.
Mandantenfähigkeit
Getrennte Prozesse, Stammdaten und Abrechnung je Auftraggeber. Für Kontraktlogistik das zentrale Auswahlkriterium, wobei zwischen Datentrennung und echter Prozesstrennung zu unterscheiden ist.
Retourenmanagement
Prüfung, Klassifizierung und Wiedereinlagerung. Für E-Commerce ein eigener Hauptprozess und kein Randthema, besonders bei hohen Retourenquoten im Modehandel.
Slotting und Optimierung
Dynamische Platzoptimierung nach Umschlag und Wegzeit. Da Wegzeiten den größten Anteil der Kommissionierzeit ausmachen, ist das der stärkste Optimierungshebel im laufenden Betrieb.
Zoll und Außenhandel
Zolllagerverfahren und Exportkontrolle. Nur wenige Anbieter decken das im eigenen Produkt ab, meist erfolgt die Anbindung an eine spezialisierte Zollsoftware.
Häufige Fragen im Überblick
Die 8 Fragen, die zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden.
Welche Funktionen hat ein WMS?
Sechs Bereiche bilden den Kern: Wareneingang und Einlagerung mit Platzvergabe nach Strategie, platzgenaue Bestandsführung in Echtzeit, Kommissionierung mit Wegeoptimierung und beleglosen Verfahren, Versand und Verladung mit Carrier-Anbindung, Ressourcen- und Personalsteuerung sowie Reporting mit operativem Leitstand. Darüber hinaus bieten Systeme Module für Chargen und MHD, Gefahrstoffe, Mandantenfähigkeit, Retouren, Slotting und Zollverfahren an, die je nach Branche entscheidend sein können.
Woran erkenne ich ein Basissystem gegenüber einem Vollsystem?
An sieben Funktionen: Wave Management, Cross-Docking, Value Added Services, dynamische Ressourcensteuerung, Lagersteuerrechner-Anbindung, Yard Management und dezentraler Betrieb unabhängig vom ERP. Diese sieben entsprechen genau dem Umfang, den SAP beim Übergang vom vollen Extended Warehouse Management zu Stock Room Management gestrichen hat, und markieren damit eine im Markt dokumentierte Grenze. Sie lassen sich auf andere Anbieter übertragen und eignen sich gut als Prüfliste im Lastenheft.
Gibt es eine Norm für den Funktionsumfang eines WMS?
Ja, die Richtlinie VDI 3601 Warehouse-Management-Systeme in der Ausgabe von September 2015. Sie definiert Begriffe, beschreibt das administrative und funktionale Umfeld, behandelt Betriebs- und Optimierungsstrategien und listet die Elementarfunktionen einschließlich Fördermittelsteuerung auf. Damit ist sie im deutschsprachigen Raum die einzige neutrale Referenz und eignet sich als Gliederungsgrundlage für ein Lastenheft, weil die Kriterien dann nicht selbst erfunden wirken.
Ist ein größerer Funktionsumfang besser?
Nein, er ist zunächst nur teurer. Ungenutzte Module erhöhen Lizenzkosten, Schulungsaufwand und Komplexität in der Konfiguration, ohne Nutzen zu stiften. Entscheidend ist die Deckung der eigenen Anforderungen, nicht die Länge der Funktionsliste. Sinnvoll ist deshalb, vom Prozess auszugehen und für jede geforderte Funktion zu benennen, welcher konkrete Ablauf sie verlangt. Funktionen ohne zugeordneten Prozess gehören nicht ins Lastenheft.
Welche Funktion hat den größten wirtschaftlichen Effekt?
Die Kommissionierung, genauer die Kombination aus Wegeoptimierung und beleglosem Verfahren. Wegzeiten machen den größten Anteil der Kommissionierzeit aus, weshalb eine optimierte Pickreihenfolge unmittelbar auf die Leistung durchschlägt. Parallel senkt die belegloses Erfassung die Fehlerquote von 1 bis 3 Prozent bei Papierlisten auf 0,1 bis 0,3 Prozent bei Pick-by-Scan. Beide Effekte zusammen tragen den überwiegenden Teil des messbaren Nutzens einer WMS-Einführung.
Was ist bei der Ressourcensteuerung rechtlich zu beachten?
Sie erzeugt Leistungsdaten je Mitarbeitendem und macht das System damit in Betrieben mit Betriebsrat mitbestimmungspflichtig nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG. Maßgeblich ist die objektive Eignung zur Überwachung, nicht die Absicht des Arbeitgebers. Wird die Zuweisung zusätzlich durch lernende Verfahren gesteuert, kommt der EU AI Act hinzu, dessen Anhang III Leistungsüberwachung und Aufgabenzuweisung ausdrücklich erfasst. Beides gehört früh in die Projektplanung.
Welche Module braucht ein Lebensmittellager zusätzlich?
Vor allem eine durchgängige Chargen- und Mindesthaltbarkeitsführung mit FEFO-Steuerung, weil die Rückverfolgbarkeit nach Artikel 18 der Verordnung 178/2002 seit 2005 verpflichtend ist und das Prinzip one step back, one step forward erfüllt sein muss. Bei temperaturgeführter Ware kommt eine lückenlose Temperaturaufzeichnung mit digitaler Archivierung hinzu, die für eine Zertifizierung nach IFS Logistics erforderlich ist. Beides sollte als Ausschlusskriterium im Lastenheft stehen.
Wie übersetze ich Funktionen in ein Lastenheft?
Indem jede Anforderung so formuliert wird, dass sie mit Ja oder Nein beantwortbar ist. Statt zu fordern, das System solle Kommissionierung gut unterstützen, ist zu fragen, ob Batch-Kommissionierung mit mehreren Aufträgen je Tour möglich ist und ob die Pickreihenfolge nach Wegstrecke optimiert wird. Solche Fragen erzeugen vergleichbare Antworten und verhindern, dass im Angebot pauschal bestätigt wird, was später als Change Request auftaucht.
Funktionen sind Anforderungen, keine Wunschliste
Ein größerer Funktionsumfang ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Kostenfaktor. Das Matching prüft, welche Funktionen Ihre Prozesse verlangen.