Funktionen · Überblick

WMS-Funktionen: die Kernbereiche im Überblick

Ein Lagerverwaltungssystem wird nach Funktionen ausgeschrieben, nicht nach Marketingbegriffen. Für Betriebe im DACH-Raum ist die entscheidende Frage deshalb weniger, welches System das größte Funktionspaket bietet, sondern welche Funktionen die eigenen Prozesse tatsächlich verlangen. Diese Übersicht ordnet die sechs Kernbereiche und benennt die Trennlinie zwischen Basissystemen und Vollsystemen. Als neutrale Referenz für den Funktionsumfang eines WMS dient die Richtlinie VDI 3601.

Sechs KernbereicheBasis oder VollsystemZusatzmoduleLastenheft
6
Kernbereiche, die jedes vollwertige WMS abdeckt
7
Funktionen, die Basis- von Vollsystemen trennen
VDI 3601
Richtlinie mit den Elementarfunktionen eines WMS, Ausgabe 2015
> 99 %
Bestandsgenauigkeit als messbares Ergebnis funktionierender Bestandsführung
Kernbereiche

Sechs Bereiche, die jedes WMS abdeckt

Diese sechs bilden den Funktionskern. Was darüber hinausgeht, ist betriebsspezifisch.

Kern 01

Wareneingang und Einlagerung

Erfassung ankommender Ware per Scan oder RFID, Abgleich gegen die Bestellung, Qualitätsprüfung und Zuweisung eines Lagerplatzes nach hinterlegter Strategie.

  • Avisierung und Anlieferungsabgleich
  • Einlagerstrategie: chaotisch, fest oder zonenbasiert
  • Sperrbestand und Qualitätsprüfung
Kern 02

Bestandsführung

Platzgenaue Verwaltung in Echtzeit, jede Bewegung sofort gebucht. Grundlage für Bestandsgenauigkeit, Inventurverfahren und Verfügbarkeitsauskunft.

  • Bestand je Platz, Charge, Serie und Zustand
  • Umlagerung und Bestandskorrektur mit Beleg
  • Inventurunterstützung mit Zykluszählung
Kern 03

Kommissionierung

Der Bereich mit dem größten wirtschaftlichen Hebel. Steuerung der Pickreihenfolge, Bündelung von Aufträgen und Führung der Mitarbeitenden über belegloses Verfahren.

  • Einzel-, Batch-, Zonen- und Wellenkommissionierung
  • Wegeoptimierung
  • Pick-by-Scan, Voice, Light oder Vision
Pick-Strategien im Überblick
Kern 04

Versand und Verladung

Packvorgang, Versandeinheitenbildung, Etikettierung und Übergabe an Spediteure und Paketdienstleister, meist über EDI oder Carrier-Schnittstellen.

  • Packplatzführung und Kartonwahl
  • Multi-Carrier-Anbindung
  • Verpackungsdaten für die PPWR-Meldung
Kern 05

Ressourcen und Personal

Verteilung von Aufgaben auf Mitarbeitende und Flurförderzeuge nach Auslastung und Qualifikation, mit Leistungskennzahlen je Ressource.

  • Aufgabenverteilung und Priorisierung
  • Labor Management mit Kennzahlen
  • Achtung: mitbestimmungspflichtig
WMS und Betriebsrat
Kern 06

Reporting und Leitstand

Kennzahlen zu Durchlaufzeit, Fehlerquote, Auslastung und Bestandsgenauigkeit sowie ein Leitstand für die operative Steuerung im Tagesgeschäft.

  • Operativer Leitstand nach VDI 4493
  • KPI-Auswertung und Trendanalyse
  • Mobile Leitstände zunehmend verbreitet
Trennlinie

Was Basis- von Vollsystemen trennt

Sieben Funktionen markieren die Grenze. Sie eignen sich als Prüfliste im Lastenheft.

Diese sieben Funktionen sind nicht willkürlich gewählt. Sie entsprechen exakt dem Funktionsumfang, den SAP beim Übergang von Extended Warehouse Management zu Stock Room Management gestrichen hat, und markieren damit eine im Markt dokumentierte Trennlinie zwischen Basis- und Vollsystem. Sie lässt sich auf andere Anbieter übertragen, weil dieselben Funktionen dort ebenfalls den Sprung in eine höhere Produktklasse bedeuten.

FunktionWozuWer sie brauchtPrüffrage fürs Lastenheft
Wave ManagementBündelung von Aufträgen zu Kommissionierwellen mit zeitlicher SteuerungVersandlager mit festen VerladefensternKönnen Aufträge zu Wellen gebündelt und Wellen zeitgesteuert freigegeben werden?
Cross-DockingDurchschleusen ohne Einlagerung, direkt von der Anlieferung in den VersandHandel und Distribution mit hohem UmschlagKann Ware ohne Einlagerbuchung direkt einem Ausgangsauftrag zugeordnet werden?
Value Added ServicesEtikettierung, Konfektionierung, Displaybau als dokumentierte und abrechenbare LeistungLogistikdienstleisterKönnen Zusatzleistungen je Auftrag erfasst und abgerechnet werden?
RessourcensteuerungZuweisung von Aufgaben an Personen und Fahrzeuge nach Auslastung und QualifikationLager mit vielen parallelen RessourcenWerden Aufgaben dynamisch zugewiesen oder nur als Liste ausgegeben?
Lagersteuerrechner-AnbindungKopplung an Fördertechnik, automatisches Kleinteilelager oder Shuttlejedes AutomatiklagerWelche Materialflussprotokolle werden unterstützt und mit welchen Anlagen im Einsatz?
Yard ManagementSteuerung von Toren, Zeitfenstern und Rangierbetrieb auf dem LagervorplatzStandorte mit hohem VerkehrsaufkommenGibt es Torbelegung und Zeitfenstermanagement im Standard?
Dezentraler BetriebBetrieb der Lagerverwaltung getrennt vom ERP, mit eigener VerfügbarkeitLager, die vom ERP-Downtime entkoppelt sein müssenLäuft das Lager weiter, wenn das ERP nicht erreichbar ist?
Zusatzmodule

Was darüber hinaus angeboten wird

Diese Module sind nicht Kern, aber je nach Branche entscheidend.

Modul 01

Chargen, Serien und MHD

Durchgängige Führung mit FEFO-Steuerung. Pflicht in Lebensmittel, Pharma und Medizintechnik, dort mit rechtlicher Nachweisfunktion nach Verordnung 178/2002 und GxP.

Modul 02

Gefahrstoffverwaltung

Automatische Zusammenlagerungsprüfung über die 24 Lagerklassen der TRGS 510 und Mengenüberwachung. Ohne Systemunterstützung praktisch nicht sicher durchsetzbar.

Modul 03

Mandantenfähigkeit

Getrennte Prozesse, Stammdaten und Abrechnung je Auftraggeber. Für Kontraktlogistik das zentrale Auswahlkriterium, wobei zwischen Datentrennung und echter Prozesstrennung zu unterscheiden ist.

Modul 04

Retourenmanagement

Prüfung, Klassifizierung und Wiedereinlagerung. Für E-Commerce ein eigener Hauptprozess und kein Randthema, besonders bei hohen Retourenquoten im Modehandel.

Modul 05

Slotting und Optimierung

Dynamische Platzoptimierung nach Umschlag und Wegzeit. Da Wegzeiten den größten Anteil der Kommissionierzeit ausmachen, ist das der stärkste Optimierungshebel im laufenden Betrieb.

Modul 06

Zoll und Außenhandel

Zolllagerverfahren und Exportkontrolle. Nur wenige Anbieter decken das im eigenen Produkt ab, meist erfolgt die Anbindung an eine spezialisierte Zollsoftware.

FAQ

Häufige Fragen im Überblick

Die 8 Fragen, die zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden.

Welche Funktionen hat ein WMS?

Sechs Bereiche bilden den Kern: Wareneingang und Einlagerung mit Platzvergabe nach Strategie, platzgenaue Bestandsführung in Echtzeit, Kommissionierung mit Wegeoptimierung und beleglosen Verfahren, Versand und Verladung mit Carrier-Anbindung, Ressourcen- und Personalsteuerung sowie Reporting mit operativem Leitstand. Darüber hinaus bieten Systeme Module für Chargen und MHD, Gefahrstoffe, Mandantenfähigkeit, Retouren, Slotting und Zollverfahren an, die je nach Branche entscheidend sein können.

Woran erkenne ich ein Basissystem gegenüber einem Vollsystem?

An sieben Funktionen: Wave Management, Cross-Docking, Value Added Services, dynamische Ressourcensteuerung, Lagersteuerrechner-Anbindung, Yard Management und dezentraler Betrieb unabhängig vom ERP. Diese sieben entsprechen genau dem Umfang, den SAP beim Übergang vom vollen Extended Warehouse Management zu Stock Room Management gestrichen hat, und markieren damit eine im Markt dokumentierte Grenze. Sie lassen sich auf andere Anbieter übertragen und eignen sich gut als Prüfliste im Lastenheft.

Gibt es eine Norm für den Funktionsumfang eines WMS?

Ja, die Richtlinie VDI 3601 Warehouse-Management-Systeme in der Ausgabe von September 2015. Sie definiert Begriffe, beschreibt das administrative und funktionale Umfeld, behandelt Betriebs- und Optimierungsstrategien und listet die Elementarfunktionen einschließlich Fördermittelsteuerung auf. Damit ist sie im deutschsprachigen Raum die einzige neutrale Referenz und eignet sich als Gliederungsgrundlage für ein Lastenheft, weil die Kriterien dann nicht selbst erfunden wirken.

Ist ein größerer Funktionsumfang besser?

Nein, er ist zunächst nur teurer. Ungenutzte Module erhöhen Lizenzkosten, Schulungsaufwand und Komplexität in der Konfiguration, ohne Nutzen zu stiften. Entscheidend ist die Deckung der eigenen Anforderungen, nicht die Länge der Funktionsliste. Sinnvoll ist deshalb, vom Prozess auszugehen und für jede geforderte Funktion zu benennen, welcher konkrete Ablauf sie verlangt. Funktionen ohne zugeordneten Prozess gehören nicht ins Lastenheft.

Welche Funktion hat den größten wirtschaftlichen Effekt?

Die Kommissionierung, genauer die Kombination aus Wegeoptimierung und beleglosem Verfahren. Wegzeiten machen den größten Anteil der Kommissionierzeit aus, weshalb eine optimierte Pickreihenfolge unmittelbar auf die Leistung durchschlägt. Parallel senkt die belegloses Erfassung die Fehlerquote von 1 bis 3 Prozent bei Papierlisten auf 0,1 bis 0,3 Prozent bei Pick-by-Scan. Beide Effekte zusammen tragen den überwiegenden Teil des messbaren Nutzens einer WMS-Einführung.

Was ist bei der Ressourcensteuerung rechtlich zu beachten?

Sie erzeugt Leistungsdaten je Mitarbeitendem und macht das System damit in Betrieben mit Betriebsrat mitbestimmungspflichtig nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG. Maßgeblich ist die objektive Eignung zur Überwachung, nicht die Absicht des Arbeitgebers. Wird die Zuweisung zusätzlich durch lernende Verfahren gesteuert, kommt der EU AI Act hinzu, dessen Anhang III Leistungsüberwachung und Aufgabenzuweisung ausdrücklich erfasst. Beides gehört früh in die Projektplanung.

Welche Module braucht ein Lebensmittellager zusätzlich?

Vor allem eine durchgängige Chargen- und Mindesthaltbarkeitsführung mit FEFO-Steuerung, weil die Rückverfolgbarkeit nach Artikel 18 der Verordnung 178/2002 seit 2005 verpflichtend ist und das Prinzip one step back, one step forward erfüllt sein muss. Bei temperaturgeführter Ware kommt eine lückenlose Temperaturaufzeichnung mit digitaler Archivierung hinzu, die für eine Zertifizierung nach IFS Logistics erforderlich ist. Beides sollte als Ausschlusskriterium im Lastenheft stehen.

Wie übersetze ich Funktionen in ein Lastenheft?

Indem jede Anforderung so formuliert wird, dass sie mit Ja oder Nein beantwortbar ist. Statt zu fordern, das System solle Kommissionierung gut unterstützen, ist zu fragen, ob Batch-Kommissionierung mit mehreren Aufträgen je Tour möglich ist und ob die Pickreihenfolge nach Wegstrecke optimiert wird. Solche Fragen erzeugen vergleichbare Antworten und verhindern, dass im Angebot pauschal bestätigt wird, was später als Change Request auftaucht.

Funktionen sind Anforderungen, keine Wunschliste

Ein größerer Funktionsumfang ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Kostenfaktor. Das Matching prüft, welche Funktionen Ihre Prozesse verlangen.

Quellen: VDI 3601 Warehouse-Management-Systeme, Ausgabe September 2015 · Leistungsdaten Kommissionierverfahren aus Branchenanalysen 2026 · SAP-Dokumentation zum Funktionsumfang von Stock Room Management. Stand: 09/2026.